
Ihr Studio haben sie in einer Landkirche außerhalb Montreals eingerichtet. "Es ist eine ziemlich kleine Kirche", erzählt Win Butlers kleiner Bruder Will, der Synthesizer, Bass und Gitarre spielt, beim Interview am nächsten Tag, "wir haben sie von einem Hippiepärchen gekauft. Das ist eine bessere Investition, als sich ein Studio zu mieten." Und obwohl das Gebäude nur kurze Zeit ihm seine Vergangenheit immer noch anzumerken: "Man spürt, dass ein Geist darüber liegt."
Der Vergleich einer Platte von Arcade Fire mit einer Kirche scheint da gar nicht so weit hergeholt. Der Unterschied, der diese Formation aus dem Meer so vieler mehr oder weniger guter Bands heraushebt, liegt nicht in ihren Akkorden und Melodien, sondern in ihrer Beseeltheit und Passion. Nach einer langen Durststrecke im Pop, die zunächst im Zeichen von Ironie und Distanz stand und zuletzt viel hohles Pathos hervorbrachte, hat sie die großen Gefühle rehabilitiert. Arcade Fires Bombastsound und ihre jauchzenden Gesänge können Tote wieder zum Leben erwecken. In einer Zeit, deren Problem weniger Depressionen sind als die Tatsache, dass viele Menschen überhaupt nichts mehr spüren, ist das womöglich der einzig gangbare Weg. "Ich lebe in einem Zeitalter, das die Dunkelheit Licht nennt", singt Win Butler in "My Body is a Cage", Einem Zeitalter, in dem einen die Angst antreibe, heißt es weiter, während das Herz nur mehr langsam schlage.
"Neon Bible" kündet von einer finsteren Welt voller falscher Propheten und leerer Versprechungen von noch schnellerem, noch kostenloserem, noch sinnfreierem Konsum. Der Erzähler von "Windowsill" würde den Lärm, der ihm entgegenschlägt, am liebsten ausblenden und die Augen verschließen, doch vergebens: "Die Flut ist hoch, und sie steigt noch immer." In der pulsierenden Springsteen-Homage "Antichrist Television Blues", die live besonders mitreißend ausfällt, geht der Leibhaftige schließlich in Gestalt eines vorgeblich braven Christenmannes um, der seine Tochter um jeden Preis als Star sehen möchte.
Da stellt sich die Frage, wie Arcade Fire mit den Teufeln Musikindustrie und Medien umgehen. Denn auch die beste Band der Welt muss ihre Botschaft irgendwie verbreiten - und nein, eine Seite auf dem Musikportal My-Space allein genügt dafür noch immer nicht. Dass die Interviews mit Printmedien aus ganz Europa im noblen River Plaza Hotel an einem einzigen Nachmittag stattfinden müssen, spricht eine deutliche Sprache. Diese Band macht promotionstechnisch wirklich nur das Allernotwendigste. Welche Journalisten grüppchenweise mit wem sprechen dürfen, bestimmt nicht der Promoter; es hängt davon ab, wie die Musiker sich spontan zu Pärchen zusammengesetzt haben. Der Falter erwischt Regine Chassagne und Will Butler.
Mitten im zwanglosen, von den Musikern mit bemerkenswertem Understatement bestrittenen Geplauder sagt Will Butler auf eine Frage des belgischen Journalisten etwas Bemerkenswertes: "Den Druck, der angeblich auf uns lastet, habt ihr gemacht. Wir machen nur Musik." Entwaffnend einfach, doch so kann man die Sache mit dem angeblich so schwierigen zweiten Album tatsächlich auch sehen. Wer es als Musiker nur schafft, sich auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren, kann sich seine Leidenschaft erhalten. Die Erwartungen und Zwänge, die so viele Kollegen auffressen, müssen ihn nur peripher tangieren. Mastermind Win Butler wird zum Thema ausgerechnet im englischen NME, dem Zentralorgan des musikalischen Hypewesens, folgendermaßen zitiert: "Ich hasse die Idee, etwas so wahnsinnig zu vermarkten, bis man praktisch dazu gezwungen ist, es zu mögen. Manche Bands manipulieren die Leute einfach, damit sie ihre Musik kaufen. Neunzig Prozent der Plattenindustrie funktionieren so."
Anders Arcade Fire. Alles was man über sie wissen muss, erfährt man auf ihren Platten und im Konzert. Sie sind furchtbar nette Zeitgenossen, aber man würde mit Butlers Frau und seinem Bruder lieber etwas trinken gehen, als ein Interview zu führen, das sie die meiste Zeit freundlich mit halb uausweichenden Antworten bestreiten. Wobei: Wahrscheinlich trinken sie gar kein Bier. "Wir spielen lieber in Kirchen", sagt Butler, "weil es inspirierende Orte sind, während es in Konzerthallen nach Bier und Pisse riecht."
Der seltsamste Moment in den letzten Jahren war für die Band denn auch nicht das Zusammentreffen mit David Bowie oder David Byrne ("das sind ganz normale Menschen"), sonden ein gemeinsam mit Bowie absolvierter Fashion Rocks in New York. Will Butler: "Da wurden